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Story 073 – 1841 – Menschen Geschäftsmodell

Raus aufs Land

Das kleine Herrlingen spielt für Wieland lange eine große Rolle

Weil der Zugang zu Wasserkraft in seiner Heimatstadt limitiert ist, baut Philipp Jakob Wieland im Örtchen Herrlingen unweit von Ulm einen weiteren Standort auf. Er wird später zwar wieder aufgegeben, die Familie Wieland bleibt Herrlingen aber noch lange mit Zweit- und Sommerwohnsitz treu.

Als Philipp Jakob Wieland seine Glockengießerei immer stärker zu einem Industrieunternehmen für die Fertigung von Halbzeugen aus Messing ausbaut, ist er unabdingbar auf die Wasserkraft zum Betrieb seiner Maschinen angewiesen. Deshalb erwirbt er bis 1828 in Ulm zwei Mühlen, die er für seine Zwecke um- und ausbaut. Weil sich die Geschäfte gut entwickeln, platzen sie bald aus allen Nähten – Erweiterungspläne stoßen aber auf bürokratischen Widerstand.

Eine Lösung findet der Unternehmensgründer einige Kilometer nordwestlich von Ulm in dem Örtchen Herrlingen, idyllisch am Flüsschen Blau gelegen. Dort kauft er 1841 eine Ölmühle mitsamt Wohnhaus und Remise und richtet dort ein Walzwerk sowie einen Drahtzug ein. Fünf Jahre später kann er etwas weiter nördlich, ebenfalls an dem Blauzufluss Lauter gelegen, eine vormalige Papiermühle erwerben, zu der ebenfalls mehrere Gebäude gehören. In diesem „Oberen Werk“ werden bald schon vor allem Rohre gegossen, später auch gezogen. Mit mehr als 400 Quadratmetern Produktionsfläche ist das „obere Werk“ etwa doppelt so groß wie die ehemalige Ölmühle, das „Untere Werk“. Beide Herrlinger Werke zusammen beschäftigen 1862 knapp 50 Arbeiter.

Zu dieser Zeit läuft nach dem Kauf der Spitalmühle bereits der Aufbau eines neuen, großen Werkes in Ulm, gefolgt vom Werk in Vöhringen, das ab 1864 entsteht. Die Kapazitäten der Herrlinger Werke können leicht in diesen neuen Standorten geschaffen werden – ohne die
mühsamen täglichen Transportfahrten mit Pferdefuhrwerken in Kauf nehmen zu müssen. Das „Untere Werk“ wird deshalb bereits 1873 verkauft, 1902 wird dann auch im „Oberen Werk“ die Produktion eingestellt.

Was bleibt, ist die Verbundenheit der Familie Wieland mit Herrlingen. Seit 1847 besitzt Philipp Jakob Wieland dort ein Landhaus, das ihm fortan als Sommerwohnsitz dient. Und 1904 lässt sein Sohn Max Robert Wieland vom renommierten Architekten Richard Riemerschmid in einem Park die im Jugendstil gehaltene Villa Lindenhof errichten.

Sie wird noch bis 1950 von Mitgliedern der Familie genutzt, dann von der Gemeinde Herrlingen erworben und zum Schulhaus umgebaut. In den 1970er-Jahren entgeht die Jugendstilvilla dank des Einspruchs des Landesdenkmalamtes nur knapp dem schon beschlossenen Abriss. Nach mehreren Umbauten und Renovierungen beherbergt sie seit 2019 das Museum „Lebenslinien“, das deutsche Geschichte am Beispiel von Herrlingen thematisiert.

Gemälde Werk

Undatierte Aufnahme des „Unteren Werkes“. Die Fabrikation ist in dem länglichen Gebäude untergebracht, das Haus rechts davon nutzt die Familie Wieland als Landhaus.

Gemälde Werk

Das Gemälde des „Oberen Werks“ von 1865 lässt etwas von der ländlichen Idylle in dem malerisch gelegen Ort Herrlingen vor den Toren Ulms erahnen.

Gemälde Landhaus

Das Landhaus Philipp Jakob Wielands in seinem Todesjahr 1873. Es existiert noch heute: Von 1919 bis 1974 beherbergte es das Herrlinger Rathaus, seit 2004 den Musikverein „Cäcilia“.

Fotografie Villa

Seitenansicht der Villa Lindenhof um 1940. Heute ist sie das einzige Jugendstil-Gebäude im Raum Ulm, das öffentlich zugänglich ist.